Georgien
Unfreiwilliger Exodus: Kein Land von
Milch und Honig, sondern ziemlich bitter
Die ursprüngliche Idee meiner Reise nach Georgien war ein Projekt, das schon seit neun Jahren auf Eis lag, und jetzt ausgeführt werden sollte. Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH plante für die westgeorgische Stadt Telavi in Zusammenarbeit mit ihrer Partnerstadt Biberach, eine Solaranlage auf ein Badehausdach eines Kinderheimes zu installieren. Glücklicherweise hatte im März 2008 schon erfolgreich ein Projekt stattgefunden – Installation einer brennholzbetriebenen Kesselheizung der durch Feuer zerstörten und wiederaufgebauten Musikschule in Telavi.
Wir machten uns Ende September erneut und diesmal zu viert mit zwei Autos auf den Weg, um dem Ziel der Horizonterweiterung ohne Vorurteile und mit Gedanken zu unserer journalistischen Tätigkeit und Entwicklungszusammenarbeit nachzukommen – ganz entgegen der Einschätzung, die in einem Zeitungsartikel geäußert wurde, dass nur Arrogante und Übermütige in dieser Zeit eine Reise nach Georgien wagen würden. Wir transportierten eine teure Fracht von 25 Solarplatten und das gesamte Zubehör. In einem schwarzen Mercedes nahmen eine Freundin, Fotografieschülerin, und ich Platz. Auf dem Schiffbahnhof in Ancona, Italien, begegneten uns risikofreudige Georgier, die Autos von Deutschland in ihre Heimat exportieren und jeden zweiten Monat diese Strecke be-wältigen. Letztendlich meisterten wir auch die Fragebögen der Zollbehörde an der türkisch-georgischen Grenzstation Sarpi.
Gori Flüchtlingscamp
Über mehrere Kontakte fand sich eine britische Freiwillige namens Dion, die daran interessiert war, uns nach Gori zu begleiten. Sie selbst engagiert sich in einer Nichtregierungsorganisation für die Belange von Binnenflüchtlingen (internally displaced persons, IDPs). Bei der Hinfahrt fielen uns entlang der Straße verbrannte Flächen auf, wo Buschwerk und Bäume gestanden hatten. Was für eine ungeheuer unnötige Vernichtung von Natur, besonders in der Nähe eines Nationalparks! Die Häuser an der Zufahrtsstraße in die Stadt, die ständig Kulisse für diverse Kameraeinstellungen weltweiter Sender waren, wurden in Windeseile repariert, mit blauen Bandagen für die Balkone ausgestattet und weiß gestrichen, so dass die Einschlaglöcher und Brandwunden nicht mehr sichtbar sind. Nahe dem Stadion und zentralen Markt waren die 2000 Flüchtinge mitten in Gori auf einer freien Fläche von ungefähr der Größe ei- nes Fußballplatzes untergebracht. Im Flüchtlingscamp fanden wir wider Erwarten akzeptable Verhältnisse vor. Wir spazierten zuerst recht befangen auf dem Gelände herum und fühlten uns wie Touristen, also fehl am Platze. In jedem der gewölbten länglichen Zelte standen sieben Betten. Auf dem freien rotbekieselten Feld waren Toiletten aufgebaut, die getrennt nach Geschlechtern beschriftet waren, daneben wurden unter gelben Wellplastikdächern auch Waschstellen bereitgestellt. Vor einem Monat herrschten noch unerträgliche hygienische Zustände. Die Menschen konnten ihre Kleidung nicht wechseln, sie hatten Beschwerden wegen verschmutzten Trinkwassers und Essens. Wie viele Journalisten schon vor uns den Ort besucht hatten, konnten wir daran ablesen, dass wir schon routiniert mit Antworten abgespeist wurden, die in ähnlicher Weise andere Fragesteller zufrieden stellen sollten, ohne genau die Nuancen der Frage beachtet zu haben.
Ich befand mich in diesem Lager mit meiner englischen Begleiterin Dion, die ein Projekt für Kinder und Jugendliche gestartet hat, bei dem es darum geht, Einwegkameras zu verteilen, mit denen die IDPs ihre Umgebung, ihr Alltagsleben, alles was ihnen an Schlechtem und Gutem auffällt, fotografieren können. Den Teilnehmern wurde in Aussicht gestellt, dass einzelne, besonders gut gelungene Bilder in Ausstellungen in Georgiens Hauptstadt Tiflis und sogar Berlin zu sehen sein werden. Wer Interesse daran hat, kann sich im Netzwerk facebook.com in der Rubrik „A day in a life: new photograph exhibition by IDP children“ informieren.
Wir fanden per Zufall einen 16-jährigen Kandidaten, Beso, für das Projekt mit der Kamera. Er sah unsere Gruppe und schloss sich neugierig an, bot uns an, dass wir auch sein Dorf aufsuchen könnten, das läge zwar in der süd-ossetischen Pufferzone, aber der Linienbus könne uns dorthin bringen. Ich hatte Bedenken, dass wir in vermintes oder jedenfalls nicht zugängliches Territorium geraten würden und den Bus zurück womöglich verpassen könnten, wollte Beso aber nicht enttäuschen. Vielmehr sollte er uns Gori zeigen, angefangen von der Burgruine, bis hin zum Parlament. Er schlug vor, uns sein Zelt Nummer 186 zu zeigen und uns mit seinem Cousin bekannt zu machen. Beide sind zwar gleich alt, Besos Silhouette unterscheidet sich aber im Gegensatz zu der des Cousins nicht von der eines Kindes.
Jeweils zweimal am Tag werden die Flüchtlinge mit Essen versorgt, um 11 Uhr und um 17 Uhr: „Sie bringen uns Brot, etwa so viel (zeigt eine Handbreit und drei Finger hoch), und dann Eier und Würstchen.“ Für einen erwachsenen Menschen ist diese Ration nicht ausreichend. Auf der Tour durch die Stadt – wir schlenderten gerade auf einer mit Kinderwagen und jungen Eltern belebten Straße – erfuhr ich, dass Beso seine Eltern im Krieg verloren hat. Beso ist trotz des Spottes seiner Altersgenossen im Lager mit uns neugierigen Ausländern mitgegangen. Ihm ist langweilig, weil der Lageralltag nichts Spannendes für Jugendliche zu bieten hat. Er bejahte meine Frage, ob er schon viele gleichgeartete Gruppen durch die Stadt geführt habe.
Das italienische Rote Kreuz war die diensthabende medizinische Anlaufstelle im Camp. Am Eingang hing ein Schild, worauf zu lesen war, dass es ganz normal sei, wenn man nach solchen Kriegsereignissen Schmerzen spürt, sei es körperlicher oder seelischer Art. Es sei ein natürliches Ereignis, wenn der Körper Stresssymptome aussende. Die Ärzte und Krankenschwestern luden alle betroffenen Menschen ein, sich bei ihnen auszusprechen und andere Versorgungsmaßnahmen zu erhalten. Bei einer zweiten Visite kurz vor dem 15. Oktober – offizielles Datum der Auflösung des Lagers – sah ich mehrere Busse voll mit Flüchtlingen, die in ihre Dörfer zurückkehrten. Viele winkten den Helfern des Roten Kreuzes erleichtert zu, ich habe die Vermutung, dass sie in widrige Umstände zurückkehrten, aber ein Camp ist nun einmal nicht für die Ewigkeit geschaffen. Für den Winter werden allerdings Einfamilienhäuser entlang der Autobahn von Tiflis nach Gori gebaut, in diese ziehen die Menschen, die gänzlich ohne Obdach geblieben sind.
Militärhospital
Im ehemaligen Militärkrankenhaus im Tifliser Stadtteil Isani trafen wir unter Schwierigkeiten unsere Ansprechpartnerin. Obwohl wir ihre Handynummer hatten, wurden wir mit unseren Erklärungen, wo wir uns gerade aufhielten, nicht so genau verstanden. Unsere Ansprechpartnerin war eine jung aussehende Mutter namens Tiko, sie hat einen schon elfjährigen Sohn, ich schätze sie auf dreißig Jahre.
Von Tiko wurden wir in einen hohen Raum geführt, ungefähr sechs mal sieben Meter groß. Der Boden war ordentlich gewischt, nicht mit Staub bedeckt, ungewöhnlich sauber für einen Ort, an dem man nicht freiwillig lebt. An der linken Seite nahe am Fenster standen zwei Betten. Der gesamte Raum fungierte als eine Art Zwischenraum, d.h. es gab praktisch zwei Gänge, die parallel verliefen, und wahrscheinlich im Krankenhausalltag für Bettenverlagerung und Notfälle ihren Zweck erfüllten. Im angrenzenden Flur befand sich eine Beton- und Gitterwand mit Blick zum Hof. Nika, Tikos Sohn, lugte etwas über diese Betonwand, um nach Spielkameraden Ausschau zu halten, die er möglicherweise für das Fotoprojekt von Dion gewinnen könnte. Ein etwas älterer Junge kam dazu, der aber skeptisch reagierte und sich unsere Argumente durch den Kopf gehen ließ. Allerdings entschied er sich dagegen, eine Kamera anzunehmen, weil er innerhalb der Gemeinschaft der IDPs mit Konsequenzen rechnete. Und tatsächlich berichtete mir Dion später, dass Nika von aufgebrachten Frauen mit einem Besenstiel geschlagen wurde, als sie die Kamera abholen wollte.
Nika hat bei einem Wettbewerb im Mai 2008 einen Studienaufenthalt in London gewonnen, jedenfalls die Zusicherung und eine Urkunde, die diesen Fakt bezeugt. Seine Mutter erkundigte sich besorgt bei meiner Begleiterin Dion, wie die Verhältnisse dort seien, und ob es überhaupt bezahlbar sei. Ich habe das Gefühl, dass es sehr gebildete Menschen sind, mit denen wir unter diesen verheerenden Umständen zusammengetroffen sind. Und diese Urkunde für den Sohn dient sozusagen als rettender Strohhalm zu einem besseren Leben für das Kind. Nika sollte für uns mehrere Gesprächsteile ins Englische übersetzen, und meisterte das auch mit Begeisterung. Tiko war bereit, mir ihre Flucht aus dem gefährlichen Gebiet in Süd-Ossetien zu schildern und in das Mikrofon meines mitgebrachten Aufnahmegerätes zu sprechen. Sie wurde zusammen mit ihrem Sohn und Ehemann mitten in der Nacht in einem Minibus mitgenommen, der nicht den direkten Weg Richtung Tiflis einschlug, sondern einen Umweg über die Berge machte. Die Unterkunft in der Stadt wurde ihnen ohne ihr Zutun zugeteilt. Sie äußerte sich zuversichtlich über Maßnahmen, die Präsident Saakaschwili veranlassen will. Vielleicht hatte sie auch Angst davor, dass ich ein Agent der Regierung sein könnte, obwohl ich ihr vorher meine Absicht erklärt hatte.
Plötzlich kam eine Frau ins Zimmer, fragte hektisch nach einem Besen, den sie sich ausleihen wollte. Meine Interviewpartnerin erklärte, dass der Besen in der Ecke ihr selbst gehöre und sie ihn nicht so gerne ausleihen würde. Nach kurzem Zuhören verstand ich, dass auch Deutsche im Lager beschäftigt sind. Vor dem Eingang des ehemaligen Krankenhauses spielte sich eine Szene ab, die tumultähnliche Züge trug, eine sehr aufgeregte Frau beschimpfte lauthals andere Umstehende. Man spürte die angespannte Lage. Die Deutschen sind Mitarbeiter der Elisabeth-Gast-Stiftung, die sich schon im Kriegsgebiet im Yemen und Libanon engagiert haben. Sie hatten die Idee, mitten im ehemaligen Militärkrankenhaus einen Kindergarten aufzubauen. Dafür musste erst der bereitgestellte Raum von ehemaligen Waisenhauskindern, die in der Obhut von deutsch-georgischen Erziehern aufgewachsen sind, renoviert werden. Diese Jugendlichen haben eine Ausbildung genossen, beispielsweise zum Maler und Lackierer oder als Erzieherin.
Allgemein setzt sich die Elisabeth-Gast-Stiftung für die Förderung von Kindern, Jugendlichen und Studenten ein, und zwar mit Kunst und künstlerischen Aktionen zur Anregung der Eigeninitiative und des kreativen Impulses. Speziell in Georgien werden Studenten bei der Hospitation, beim Kauf von Musikinstrumenten, Noten- und Lehrmaterial unterstützt. Im Sinne von Musik- und Kunstpädagogen sollen die Kinder von ihrem kriegsgeprägten Alltag abgelenkt und zu künstlerischer Aktion animiert werden. Es wurde Reigen getanzt, bei dem eine Erzieherin die Lieder auf der Gitarre begleitete. Bei einer Aktion wurden aus abgesägten Aststücken Bauklötze mit Schmirgelpapier geschliffen. Eine Frau stellte sich als Ergotherapeutin vor, sie kam ebenfalls aus der Gruppe, die von der Elisabeth-Gast-Stiftung nach Georgien geschickt worden war. Sie stufte die Situation, dass sie jetzt beim Wegräumen von Schutt und Abfall tatkräftig mit anpacken musste, als typisch für eine Nachkriegssituation ein, weil sie schon ähnliche erlebt hatte. Sie kommentierte das Geschehen, indem sie diese Art von Bewegung auch als Therapie für die traumatisierten Kinder bezeichnete.
Etwas abseits der spielenden, singenden, tanzenden Kinder bemerkte ich einen Jungen, der mit einer Schubkarre den Dreck vor dem Gebäude entfernte, in dem der Kindergarten untergebracht wird. Ich unterhielt mich mit dem 6-Jährigen, der mir genau schilderte, was in seinem Dorf während des Krieges passiert ist. Er habe sein Haus in Flammen aufgehen sehen, und mit ernster Miene erklärte er, wie das Bettgestell durch das Feuer zu einem U gebogen worden sei: „Da kann man sich ja nicht mehr hineinlegen.“ Auf meine Frage, ob er auch Verletzte und Tote gesehen habe, nickte er, seine intelligenten Augen strahlten dabei etwas Abgeklärtes aus. Ich konnte nicht adäquat reagieren, weil mir die passenden georgischen Worte fehlten. Er selbst wurde am Oberschenkel verletzt, zeigte mir die Wunde und sagte, indem er das Holzperlenkreuz von seinem Hals nahm und auf einen kleinen Baum hängte, dass er sich nicht mehr so leicht hinhocken könne.
College, Chkheidze Straße
Am 8. Oktober 2008 besuchten wir ein College in Tiflis, in dem ebenfalls Flüchtlinge untergebracht waren. Meine Begleiterinnen hatten sich früher schon hier umgesehen und hofften, an die vielen Kinder Kameras verteilen zu können. Wir versammelten uns in einem Zimmer, um den herbeigeeilten Frauen unser Projekt erklären zu können. Diese konnten nur mit Mühe ihren Zorn darüber zurückhalten, dass ihre Kinder wegen unzureichender Wärmeversorgung krank geworden seien. Deshalb wurden bis auf zwei alle zu Verwandten in Tiflis geschickt. Die Flüchtlinge äußerten auch leicht erfüllbare Wünsche, z.B. Kerzen, weil der Strom nicht zuverlässig zur Verfügung steht, oder Äpfel, es sei ja gerade Erntezeit.
Das Gebäude sollte renoviert werden, aber anscheinend haben mitten im Prozess widrige Umstände diesen Plan zunichte gemacht, da lediglich neue plastikberahmte Fenster eingesetzt worden sind, die gut isolieren und die Kälte draußen halten. Direkt gegenüber befindet sich eine Bierbrauerei und ein älterer Mann bemerkte, dass es wohl eine Abwechslung wäre, wenn mal von dort ein Schlauch bis zu den Fenstern des Colleges reichen würde. Ein Kleinkind von ca. eineinhalb Jahren saß auf dem Schoß seiner Mutter, daneben befand sich ein Keramikhöckerchen mit eingelegten Heizspiralen, es lief rotglühend auf Hochtouren. Die Mutter klagte, dass ihr Sohn dauernd an Bronchitis erkranke.
Wir trafen eine Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Sohn. Sie zimmerten sich gerade zu einem ehemaligen Klassenzimmer eine Tür zusammen. Der Junge geht zur Schule, aber die Eltern haben keine Möglichkeiten, irgendwo Geld zu verdienen, ihr Status und ihre Wohnsituation machen sie nicht attraktiv für Arbeitgeber. Sie müssen bei der Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ihren Ausweis zeigen, in dem sie eindeutig als Flüchtling zu identifizieren sind, dann dürfen sie kostenlos Busse und Metro benutzen.
Die Essensration für fünf Leute sieht Weißbrot, eine Packung Makkaroni, Öl, Zucker vor: offensichtlich keine gesunde Ernährung. Die Menschen klagten, dass sie sich nach frischen Tomaten und Gurken sehnten, sie waren sich sehr wohl bewusst, dass es ihrem Speiseplan an Vitaminen mangelt. Außerdem hatten sie keine Kochstelle, um die Makkaroni weich zu kochen, es war nur eine Heizspirale vorhanden. Die Bezeichnung IDP trifft wohl auf mehrere Bewohner dieses Auffanglagers in mehrfacher Hinsicht zu.
Es sind Abchasen, die im Jahre 1993 geflohen sind, in anderen Städten gelebt haben, auch in Moskau, und nun mit neu registrierten Abchasen ihr Leben teilen müssen. Die Bewohner sind zerstritten, weil die mit einer Registriernummer ausgestatteten neuen Flüchtlinge von der Regierung versorgt, die anderen aber links liegen gelassen werden. Die Ungerechtigkeit wurde sofort bewusst, als wir in ein Zimmer geführt wurden, das bewundernd, aber auch mit gehässigem Unterton als Luxussuite bezeichnet wurde. Es hatte einen Spiegel und ein gut gepolstertes Bett, auf dem Schrank lagen die von Flüchtlingsorganisationen gespendeten Matratzen, die eigentlich jedem zu Gute kommen sollten. Aber diese Wohltaten werden auf einem eigens eingerichteten Markt in Tiflis verscherbelt. Es ist unverständlich, warum Flüchtlinge, die vor fünfzehn Jahren vertrieben wurden, sich bis jetzt noch keine Existenz aufbauen konnten. Die Maßnahmen der Regierung helfen nur den vom letzten Krieg Betroffenen.
Irene Dlugosz